Matheos Pontikos
Eröffnungsrede zur Ausstellung: Veronika Wagner, »Kain und Abel – Bilder und Objekte«
am 3 .April 2009
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
wir feiern heute nicht nur die Eröffnung dieser Ausstellung, sondern auch den herannahenden 60. Geburtstag von Veronika Wagner. Solch ein Anlass hätte manch einen Künstler vielleicht zu einer monumentalen Retrospektive verleitet. Veronika Wagner hat jedoch die Auswahl der Exponate mit sehr viel Bedacht auf das Wesentliche der neuesten Arbeitsphase beschränkt. Hier wird also keine Rückschau gehalten und keine Vollendung zelebriert. – Das sagt uns: wir haben noch einiges zu erwarten.
Als ich vor nunmehr allerhand Jahren die Künstlerin kennen lernte, da geriet ich mit ihr in einen Disput über ein Grundmotiv der christlichen Kunst: die Verkündigung an Maria. Ich lernte eine streitbare Persönlichkeit kennen, die, mit Sachkenntnis
ausgestattet, dem genannten Sujet und seinem zugrunde liegenden Dogma kritisch-spöttisch auf den Leib rückte. Später sollte ich erfahren, dass sie in der Tat ein großformatiges Verkündigungsbild realisiert hatte, in dem der aus Leinen und Nessel gebildete Engel über einer Maria schwebt, die durch einen Feudel dargestellt ist.
Für den heutigen Tag möchte ich lediglich diese Kombination aus satirischer Beleuchtung des Mythos und politischer Aktualisierung desselben in einem recht stofflichen Bild festhalten. Sie beherrscht auch zu einem großen Teil die vorliegende Ausstellung, deren Titel an den legendären ersten Brudermord erinnert. Der Mörder und Verbrecher werden Sie in dieser Ausstellung allerhand sehen. Thematisiert werden freilich auch jede Art von vom Menschen verursachte Desaster. Mit dieser Erkundung der Laster unserer modernen Zivilisation steht Veronika Wagner in bester aufklärerischer Tradition. Stilistisch befinden wir uns größtenteils in der Nähe der arte povera, wobei eine Prise Neodadaismus den Bilddiskurs belebt.
Es ist nun aber so, dass Veronika Wagners Anfänge ganz anderer Natur waren. Zu Beginn stehen kleine minutiös gemalte Landschaften in der Art der naiven Malerei, dann folgen mächtig expressive Stadtlandschaften, die ein hohes Abstraktionsniveau erreichen. Explizit politisch im engeren Sinne wird Veronika Wagners Kunst erst um die Wendezeit. In der DDR, in der das frühere Werk entstand, schien es geboten, in künstlerischer Hinsicht politische Abstinenz zu leisten, wenn man sich als weltanschaulich Oppositioneller selbst treu bleiben wollte.
Recht betrachtet handelt es sich aber auch hierbei um eine spezielle Spielform politischen Handelns, für dessen Verständnis wir maßgeblich durch die Gender-forschung sensibilisiert worden sind, nämlich aufgrund der Erkenntnis, dass das Politische bis in die intimste Sphäre des Menschen hinein reicht, ja, von dort überhaupt seinen Anfang nimmt. Nun werden Sie in Veronika Wagners neuerem Werk, das unter dem Vorzeichen eines geeinten Deutschland entstand, das Politische in beiderlei Verständnis antreffen.
Die jüngsten Werke, kleinformatige monochrome Bilder, bestehend aus Familienfotografien, denen Zeichnungen aufliegen, sind zutiefst privat. Sie rollen eine Familiengeschichte auf, die zweifelsohne auch in das Thema der Macht getaucht ist. Das Verwirrende an diesen subtilen Bildern und vielen anderen Werken Veronika Wagners ist, dass sie reizvoll anzuschauen sind, bei näherer Lektüre jedoch ziemlich aufwühlend wirken können.
Mit der Strategie des initialen Lockens und Verführens steht die Künstlerin zwar heute nicht allein da – Kunst muss ja generell zunächst durch irgendein Mittel Aufmerksamkeit erheischen –, aber in einem wichtigen Punkt unterscheidet sich dieses Werk von dem anderer zeitgenössischer Künstler: hier ist der Gegenstand kein austauschbarer Blickfang, sondern es geht in der Tat um ihn.
Diese Bilder und Objekte sind greifbare Allegorien und Sinnbilder. Schützengräben türmen sich als reale Sandsäcke auf, Kartenhäuschen drohen zusammenzubrechen, verbrannte Erde zieht uns in den Bann. Die Verantwortlichen werden eindeutig repräsentiert. Berührt werden wir freilich zunächst nicht durch Titel und Themen, sondern durch warmtonig-erdige Farben, natürliche Materialien, durch eine Kunst die, zwischen verwittertem Graffiti und archäologischen Sedimentschichten changierend, die neuere und aktuelle Geschichte reflektiert.
Wesentliches Moment in Veronika Wagners Kunst ist jedoch, dass sie formal und inhaltlich in Bewegung bleibt und dass sie aufgrund ihrer zuweilen tragik-komischen Natur den Schrecken durch das Lachen transzendieren lässt.
©Matheos Pontikos