Eröffnungsrede zur Ausstellung:
Roter Schuh auf blauem Grund
Acht Positionen zum Thema Siebdruck
Johanna Bieligk,
Stefanie Busch,
Jutta Henglein-Bildau,
Moritz Götze,
Petra Maria Kessler,
Sonja Reyle,
Wolfgang Smy,
Anna Werkmeister
Roter Schuh auf blauem Grund – oder acht Positionen zum Thema Siebdruck. Wir eröffnen heute eine Ausstellung mit Grafiken, Bildern und Objekten die sich ausschließlich dem Thema Siebdruck widmen. Die Ausstellung versucht einen Einblick in die Vielfalt dieser Technik zu geben und stellt gleichzeitig acht sehr unterschiedliche künstlerische Handschriften vor.
Der Siebdruck wurde zuerst in Amerika eingesetzt, wo man bereits in den 1930er Jahren Originalsiebdrucke in Ausstellungen zeigte. Die Technik des Siebdrucks wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Deutschland durch verschiedene Ausstellungen bekannt. Willi Baumeister zählt zu den wichtigsten Protagonisten, die den Siebdruck salonfähig machten.
Einen Aufschwung erfuhr der Siebdruck in den 1960er Jahren durch den Einfluss der Pop-Künstler und ihr neues Bewusstsein im künstlerischen Schaffen. Sie machten die Reproduktion und die Wirkung der Medien zum Thema der Kunst und fanden in dem kostengünstigen, aus der Werbegrafik stammenden Druckverfahren ein ideales Ausdrucksmittel. Zu den wichtigsten Künstlern dieser Pionierzeit zählen Robert Rauschenberg, Roy Lichtenstein und Andy Warhol.
Der Siebdruck zählt zu den Durchdruckverfahren. Die Farbe wird durch die Druckform gepresst. Beim Anfertigen der Druckform wird das Siebgewebe stellenweise undurchlässig gemacht. Das geschieht entweder durch manuelles Abdecken oder durch fotochemische Techniken.
Johanna Bieligk, Studentin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, zeigt 6 gleichformatige Blätter auf welche teils monochrom, teils im mehrfarbigen Verlauf ovale Flächen aufgetragen wurden. Diese Gruppierung bildet ein Ornament, welches an stark vergrößerte Rasterpunkte erinnert. Gleichzeitig ist die hier verwendete Schablonentechnik auch eine Referenz an die Entstehung des Siebdrucks in Japan des 18. Jahrhunderts. Im Vordergrund aber steht Johanna Bieligks Verweis auf den Roman »Herr Teste« von Paul Valery. Der französische Lyriker und Philosoph verzichtet in seiner Sprache auf die Darstellung von Gefühlen und äußeren Realitäten. Die Beschreibung des Herrn Teste ist indirekt selbstbezüglich. Und so kann man das Oval auch als Spiegel ohne Spiegelbild oder ein Portrait ohne Abbild lesen, denn Rasterpunkte sind bekanntlich rund.
Stefanie Busch, Absolventin der Dresdner Kunstakademie, zeigt eine rhythmische, dunkle, in der Farbigkeit verhaltene Bildfolge von Landschaften. Dabei interessiert Stefanie Busch nicht das reale Abbild der Wirklichkeit. Auch wenn es manchmal so scheint, dass sie durch das beständige Dokumentieren und Fotografieren der Wirklichkeit das Gesehene und Erlebte festhalten möchte. Doch durch Überlagerungen von einzelnen Bildmotiven, sei es im Gedächtnis oder analog in ihrem Arbeitsprozess, wird das ursprüngliche Bild verändert und verschwindet manchmal ganz. Ein neues Bild kann entstehen.
Moritz Götze, in Halle freiberuflich lebend und arbeitend, hat von 1986-1996 eine eigne Siebdruckwerkstatt geleitet und hatte von 1991 bis 1994 einen Lehrauftrag für Serigraphie an der Hochschule Burg Giebichenstein in Halle. Moritz Götze gestaltet in seinem 9-teiligen Wandbild »Little Dog« farbstark, laut und heiter eine eher groteske Szenerie. Mit großer malerischer und zeichnerischer Virtuosität fügt er seine witzigen Visionen, manchmal traumhaft wirkend, zu einer klaren Komposition. Die jeweilige Bedeutungsebene der Bildwelten von Moritz Götze sind vom Betrachter frei und assoziativ zu interpretieren. Ein sinnlicher Genuss ist es allemal.
Jutta Henglein-Bildau hat u.a. als Bühnenbildnerin gearbeitet und sich intensiv mit experimenteller Filmgestaltung beschäftigt. Das Experimentieren mit neuen Medien, das Spiel mit bildhaften Zusammenhängen und zufälligen Bildereignissen widerspiegeln sich in ihrer Arbeit »1/2 Sekunde Film«. Jutta Henglein-Bildau hat einzelne Videostills auf den Siebdruck übertragen und zeigt eine Reihe von fotografisch anmutenden Alltagsbeobachtungen in zurückhaltender Farbigkeit.
Petra Maria Kessler hat sich seit Jahren mit dem Siebdruck intensiv beschäftigt und in ihm eine adäquate Form gefunden, sich künstlerisch auszudrücken. In ihrer Reihe »Lonely Crowd – die einsame Masse« präsentiert sie verschiedene, stark grafisch betonte Blätter, die wiederum Bezug nehmen auf eine Serie von Fotografien zum Thema Metrostationen in Berlin. Einsamkeit und Hektik stehen als Metapher für großstädtisches Leben – beiden Ebenen kann sie durch die Möglichkeit des Überlagerns von einzelnen Bildmotiven miteinander verweben. Das Besondere an ihrer Arbeit ist, dass das Drucken für sie kein monotoner Vorgang ist. Das Sieb wird nicht fest montiert, es wird von ihr oft beweglich, als »verlängerter Pinsel« eingesetzt. So entstehen keine großen Auflagendrucke, nur kleine Serien, meist jedoch Unikate.
Sonja Reyle, freiberuflich in Berlin lebend, hat sich mit Industriedesign und Textilgestaltung beschäftigt. Seit 1995 hat sie sich auch dem Siebdruck zugewandt. In Zusammenarbeit mit Jutta Henglein-Bildau beschäftigt sie sich mit Portraits, haupt-
sächlich mit Kinder-Portraits. Das sind zumeist Auftragsarbeiten, die mit der Fotografie beginnend später auf Siebe übertragen und schließlich auf Leinwände gedruckt werden. Die Bilder dieser Ausstellung offerieren eine zarte, sehr lichte Farbigkeit.
Wolfgang Smy ist in Dresden geboren und lebt und arbeitet dort als freiberuflicher Künstler. In der Ausstellung zeigt er eine Reihe von Portraits, die stark farbig und gerade durch die Reduktion der künstlerischen Mittel, besonders ausdrucksstark sind. Die eigentümliche und skurrile Wirkung der Portraits von Wolfgang Smy entwickelt sich aus einem Geflecht zeichenhafter Ornamentik in neo-expressiver Farbigkeit. Außerdem zeigt er drei weitere Grafiken von 1986 mit jeweils 28 Einzelbildern, auf denen einzelne Strichfiguren handwerkliche Tätigkeiten symbolisieren.
Anna Werkmeister lebt und arbeitet in Berlin und ist Teilnehmerin und Preisträgerin verschiedener Wettbwerbe und künstlerischer Förderungen. Sie hat sich intensiv mit neuen Medien, insbesondere mit der künstlerischer Video-Kunst beschäftigt. Anna Werkmeisters Siebdrucke »I b, I c, II a und II b« von 1991 sind Abstraktionen von urbanen Situationen, zum Beispiel von Türen und Fenstern in ländlichen Umgebungen. In der Arbeit »6.07 Minuten visuell« visualisiert sie die Dauer von Tonfolgen, orientiert am gegebenen Rhythmus der 1. Cello Suite von J. S. Bach. In den Siebdrucken werden Tonklangfolgen, die akustischen Raum einnehmen, in einen visuellen Raum bzw. eine Fläche transformiert. Die Tonklangfolgen sind umgesetzt in farbige und schwarze Rechteckmodule, die als Siebdruck auf klaren Acrylglasscheiben angeordnet sind. Analog zur musikalischen Struktur visualisieren die geometrischen Modulsequenzen die zeitliche Dimension von Tonfolgen, Motiven und Phrasen.
Zurück zu unserem Ausgang. Roter Schuh auf blauem Grund. Den roten Schuh werden Sie vielleicht nicht finden – aber sie finden, so hoffe ich, eine Reihe von anregenden Bildereignissen: farbgewaltige Bildsequenzen, minimalistisch-grafische Verflechtungen, hölzerne Pferde, einsame Frauen und vielleicht auch einsame Landschaften, lächelnde Kinder oder auch einen roten Mund und ein schwarzes Oval, vielleicht noch mehr?
Ich hoffe, dass die Ausstellung viele Interessierte Besucher haben wird und wünsche ihr viel Erfolg und Ihnen gute Unterhaltung.
© Annette Gundermann, Malerin
Kuratorin der Ausstellung, 26.6.2009