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Öffentlichen Probe zu der Oper »Bettina Vampira« von Friedrich Schenker,
Libretto Karl Mickel, mit Sibille Roth und Richard Anderson

Barbara Fuchs

Ausstellungseröffnung / 9.1.2008
Hommage an Bettine


Meine Damen und Herren, liebe Freunde,

ich begrüße Sie sehr herzlich zur Eröffnung unserer Ausstellung »Hommage an Bettine« aus Anlass des 150. Todestages von Bettine von Arnim mit Arbeiten von Bettina von Arnim, Barbara Beisinghoff, Ellen Fuhr, Angela Hampel, Gerda Lepke, Marlen Melzow, Liz Mields-Kratochwil und Dagmar Ranft-Schinke.

Der Dialog zwischen Bildender Kunst und Literatur gehört zur Besonderheit unserer Galerie. Gerhard Wolf, Autor und Verleger, und Renate Saavedra mit ihrer Buchhandlung hier im Haus geben seit Jahren wertvolle Anregungen. Es lag nahe, Bettine von Arnim, die lange Zeit in Berlin gelebt hat, einer der interessantesten und wichtigsten Frauengestalten des 19. Jahrhunderts, der mutigen, streitbaren Schriftstellerin anlässlich ihres 150. Todestages am 20. Januar eine Ausstellung zu widmen.

Bettine von Arnim gehörte zum Kreis der Romantiker. Doch sie verlor sich nicht in Schwärmerei und Fernweh. Sie blieb wach in den versteinerten Verhältnissen der Metternich-Reaktion. In der beginnenden Industrialisierung registrierte sie Entfremdung und richtete den Blick auf die Armen. Mit Begeisterung begrüßte sie die Revolution von 1848.

Ihre Visionen von der »freien Entwicklung aller«, ihr Lebensmut, ihre ständige Ich-Suche und auch die Widersprüche der Bettine von Arnim geben Künstlern und Schriftstellern noch heute Inspiration für kreatives Schaffen. Unter den Frauen unseres Künstlervereins gab es sofort eine große Lust, sich mit Bettine von Arnim künstlerisch auseinanderzusetzen. Die Bildhauerin Liz Mields-Kratochwil hatte schon 2003 durch einen mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt im Künstleratelier von Schloss Wiepersdorf eine Beziehung zu Bettine von Arnim hergestellt. Andere – wie Ellen Fuhr - waren durch die Literatur von Christa Wolf, insbesondere durch deren Buch »Kein Ort, nirgends« und durch Essays von Christa Wolf und Gerhard Wolf zur Romantik und zu Bettine von Arnim, mit dem Thema vertraut.

Besonders danken möchte ich Frau Eva Poll, die uns dabei unterstützte, die heute in Frankreich lebende Malerin Bettina von Arnim, eine direkte Nachfahrin der berühmten Bettine von Arnim, für unsere Ausstellung zu gewinnen.

Sich auf Bettine von Arnim einzulassen, ist ein großes Abenteuer. Es ist schwer, sie zu erfassen mit ihrer Vielzahl an Eigenschaften, Aktivitäten, Begabungen, Visionen, Widersprüchen. Goethe nannte sie »das wunderlichste Wesen von der Welt«.

Gerhard Wolf sagt: »Sowenig ihre Zeit mit ihr fertig wurde, sowenig, will es heute gelingen, sie mit ein paar treffenden Zügen zu zeichnen…«
»Es gibt für sie kein endgültiges Wort, dem man nicht auch widersprechen, keine Meinung, die man nicht auch widerrufen müsste…; widerspricht sie sich doch immerfort und mühelos selbst, ohne sich je zu verleugnen oder gar unwahrhaftig zu sein.«

In diesen Widersprüchen bewegt sich auch unsere Ausstellung. Acht bildende Künstlerinnen haben ihre ganz eigene Beziehung zu Bettine von Arnim bildnerisch umgesetzt. Daraus ergeben sich ästhetische Widersprüche und Spannungen. Die kleine Kaltnadelradierung der Dagmar Ranft-Schinke steht im Kontakt mit dem handgeschöpften Bachbild mit Wasserstrahlzeichnung von Barbara Beisinghoff und der raumgreifenden Skulptur von Liz Mields-Kratochwil. Intime Szenen behaupten sich neben Welterkundungen und kosmischen Bildern.

Den Künstlerinnen geht es um Erinnerung an die Bettine von Arnim. Aber nicht nur das. Es geht um das Jetzt und das Hier im 21. Jahrhundert, um Reflektion der eigenen Situation. Dabei ist zu beobachten, dass die Auseinandersetzung mit Bettine von Arnim zum Sich-messen mit deren Ansprüchen führt. Bettine von Arnim macht Mut.

Beinahe alle Künstlerinnen betonten, wie wesentlich es für sie ist, dass Bettine gezeigt hat, dass man kämpfen kann. Dabei fasziniert ihre Vielseitigkeit, wie sie mit Diplomatie und Witz, mit Mut und Schauspielerei Räume eroberte und ihre Anliegen, ihre Sehnsüchte, ihre Träume, ihre Verletzungen öffentlich machte.

Dagmar Ranft Schinke hat Bettine von Arnim in direkter Ansprache einen Brief geschrieben. Darin geht sie auf die Visionen der Bettine ein, im kreativen Tun die Welt humaner zu gestalten, damit sie auch für unsere Kinder und Kindeskinder noch Lebensraum bietet. Sie schreibt von ihrer »Hoffnung, dass alle unsere guten Gedanken, die im kreativen Tun freigesetzt werden, erhalten bleiben«.
Das Bettine-von-Arnim Zitat »Sehnsucht und Ahnung liegen dicht beieinander, eines treibt das andere hervor« inspirierte sie zu ihren Bildern. Darunter sind feine, aquarellierte Radierungen. Diese heißen »Traum« und »Frühlingsgeister«. Es sind kleine Bilderrätsel, in denen sich übermütige Luftgestalten treffen, skurrile Fabelwesen, ein Felsblock mit menschlichem Gesicht, Kobolde, Seiltänzer, Tiere und Liebespaare. Überaus sinnliche Bildmotive, die für eine politische Sehnsucht stehen.

Die Papierkünstlerin, Malerin, Graphikerin und Buchmacherin Barbara Beisinghoff. arbeitet gern in großen Formaten. Dabei spielt sie mit der Festigkeit und der Durchlässigkeit von Papier, mit der Struktur der Materialien. Intuitiv mischt sie unterschiedlichste Gestaltungstechniken - Hochdruck, Tiefdruck, Malen, Schaben, Prägen, Ätzen, Perforieren, Collagieren…  und versucht im Zusammenspiel von Spontaneität und Ordnung Zusammenhänge und Prozesse erlebbar zu machen. Das im Bach handgeschöpfte Bild mit Wasserstrahlzeichnung «Roter König«/ »Herzhaft in die Dornen der Zeit greifen« steht als Entsprechung für die Energie und die Entschlossenheit der Bettine von Arnim. Für das Bild »Blauer Kosmos« und die handgefertigte bibliophile Kostbarkeit »Himmelansteigende Treppen« gab Bettines Roman »Die Günderrode« die Inspiration.

Die Bildhauerin Liz Mields-Kratochwil, Schülerin von Stötzer und Fitzenreiter, hat sich besonders beeindrucken lassen von der Kraft der Bettine und deren Willen zur Behauptung ihres ICHs. Mit ihrer raumhohen Säule teilt sie mit: hier bin Ich, hier ist Kraft und Stabilität. Die kompakte Arbeit aus verzinktem Drahtgeflecht in chaotisch anmutender Struktur, aus stumpfen Zinkplatten und transparentem Acryl mag in ihrem Aufbau und ihrer Materialität als Zeichen für den Lebensweg der Bettine von Arnim stehen. Sprödes Material fügt sich mit glatten, durchscheinenden Flächen zusammen, bei genauerem Betrachten sind tiefe Furchen erkennbar, Zeichen für Verletzungen.

Angela Hampel bezieht sich mit ihren figurativen Bildern auf die literarischen Arbeiten der Bettine von Arnim. Sie hat Zitate, bei denen es um die Selbstwahrnehmung der Bettine und um tiefe Empfindungen geht, mit kräftigen Bildzeichen kombiniert, Momentaufnahmen heftiger emotionaler Bewegungen aus den Beziehungen zur geliebten Günderrode und zu ihrem irdischen Gott Goethe. Die Impulsivität, Heftigkeit und Unbedingtheit der Bettine werden in expressivem Gestus formuliert. Die Bilder stehen für die in der Literatur (zum Beispiel bei Hesse, Rolland oder Rilke) immer wieder betonte Charakterisierung Bettines als Die große Liebende.

Auch Ellen Fuhr erfand aus dem Leseerlebnis heraus ihre eigenen Bilder und brachte diese auf die Fläche. Das Porträt auf Leinwand – in kräftiger sicherer Pinselführung -  zeigt die junge Bettine wach, sensibel, lebenshungrig. Bei der Serie zu Bettine von Arnim überlagern sich verschiedene Papiere. Im Erinnern von Textstellen vermischen sich Farbflächen, Sinnbilder, Schattenbilder, Schriftbilder und wecken Assoziationen zu verschiedenen Lebensstufen der Bettine.

Die Malerin Gerda Lepke aus Dresden, die kaum figürlich arbeitet, hat mit wunderbarer Leichtigkeit in ihren Siebdruckarbeiten ein Zeichen gefunden, das sowohl für die Spontaneität und die Lebendigkeit der Bettine von Arnim als auch für die Zeit der Romantik steht. In expressiver Bewegung verschlingen und überlagern sich Linien, lassen »Die blaue Blume« entstehen, die auf Novalis zurückgeht. Das Zeichen für die Romantik, das für Sehnsucht und Fernweh steht.

Mit ihrer Blattfolge »Lust – was ist die Lust« bezieht sich Marlen Melzow auf die Versuche von Bettine von Arnim, zu Goethes Faust eine Oper zu schreiben. Kraftvoll und zugleich verspielt, entwickelt sie aus dem Fluss der schwarzen Farbe szenische Abläufe – hier erkennen wir die Vertrautheit der Marlen Melzow mit dem Theater. Notenbilder vermischen sich mit figurativen Szenen. Diese erzählen von konkreten Situationen und Beziehungen. Und sie sind zugleich Sinnbilder für die Spannungsverhältnisse, in denen sich Bettine bewegte, in denen es um Zuneigung, Liebe, Verehrung und um Selbstbehauptung ging. Ein Wechselspiel von Anpassung und den Zügeln-freien-Lauf-lassen. Auch das für Bettine so charakteristische Spiel mit Masken und Verwandlungen, ihre Anschmiegsamkeit und ihr Witz im Rollenspiel eines Kindes finden Entsprechungen im Spiel mit schwarzer Farbe auf dem Papier. Winzige in Schwarz getauchte Biedermeierfigürchen, ein Takt gebendes Metronom und ein schwebendes Ei im geteerten Schränkchen aus vergangener Zeit verweisen auf Weltzusammenhang und Vergänglichkeit.

Bei der Frage, was bleibt von Bettine von Arnim, dürfte neben ihrer Lebenslust, ihrem Lebensdurst und ihren vielfältigen Anstrengungen zur Behauptung ihrer inneren Freiheit ihr leidenschaftliches soziales Engagement sein. Sie hat sich eingemischt in die Politik.

In dieser Erbfolge sieht sich die in Südfrankreich lebende Malerin Bettina von Arnim, die in Berlin und in Paris Malerei und Grafik studierte. Sie war Gründungsmitglied der Künstlergruppe »Kritischer Realismus«.
Zu der Begeisterung über den »technischen Fortschritt«, der Erfindung von Robotern und der Landung auf dem Mond entwickelte Bettina von Arnim frühzeitig ein kritisches Verhältnis. Aus dieser Distanz zum Mainstream entwickelte sie schon in jungen Jahren künstlerische Eigenständigkeit. Das Thema Mensch – Maschine ist für sie seit Jahren immer wieder eine Herausforderung. Mit Phantasie und ironischer Distanz malt sie großformatig farbenfreudige Maschinenmenschen, sog. Cyborgs. Aus ausrangiertem Computerschrott und anderen Fundstücken von Zivilisationsmüll baut sie skurrile und poetische Skulpturen.

Mit den hier ausgestellten Radierungen und Collagen mit realen und surrealen Bilderfindungen stellt Bettina von Arnim Fragen zum Zusammenleben und zur Zukunft in der menschlichen Gesellschaft, Fragen von globaler Relevanz. Sie agitiert nicht, aber sie zeigt vor: Landschaften, in denen viel zu entdecken ist. Es sind begradigte Landschaften mit Wohnsilos, Blechkarossen, Raketen und Raumkapseln. Nur Menschen sind kaum zu sehen. Auf einer Arbeit sieht man eine burkaverhüllte Frau mit einem Kind auf dem Arm, die Steine für einen Staudamm verlegt.

Wie würde Bettine von Arnim sich heute verhalten im Zeitalter von Globalisierung, Militarisierung, Krieg und Bankencrash?

Der Dialog zu Bettine von Arnim kann beginnen.

Ich danke allen Künstlerinnen der Ausstellung. Und ich danke allen, die an der Vorbereitung und Unterstützung der Ausstellung beteiligt waren, der Cajewitz-Stiftung, den KünstlerInnen und MitarbeiterInnen unseres Vereins und allen Freunden und Helfern.

Nach einer kleinen Pause laden wir Sie ein zur Performance, einer öffentlichen Probe zu der Oper »Bettina Vampira« von Friedrich Schenker, Libretto Karl Mickel, mit Sibille Roth und Richard Anderson.


© Barbara Fuchs