Galerie Forum Amalienpark
Unter Druck
Zeitgenössische Druckgrafik und Monotypie
 

Der Titel der Ausstellung bezieht sich zunächst einmal auf die Tatsache, dass bei allen druckgraphischen Techniken manueller oder mechanischer Druck auf die unterschiedlichen Träger der Zeichnung oder die Druckplatte ausgeübt werden muss. Für Radierungen und Lithographien sind auf jeden Fall starke Pressen von Nöten, den Holzschnitt kann man mit Druck selbst abreiben. Beim Siebdruck drückt der Rakel das Sieb auf das Blatt und gleichzeitig die Farbe durch die offenen Stellen des Gewebes.

Dass der Künstler selbst auch unter Druck stehen muss, um künstlerisch arbeiten zu können, das ist für die einen ein überholtes Verständnis des Künstlerdaseins, das mit den Bedingungen künstlerischer Möglichkeiten im ausgehenden 20. Jahrhundert und mit der Totalkommerzialisierung des Kunstbetriebes per se erledigt ist und durch eine distanzierte, professionelle Haltung zur Produktion und Vermarktung ersetzt wurde.

Obwohl die der künstlerischen Arbeit in der Vergangenheit zugeordneten Werte - wie Authentizität, Autonomie, Wahrheitssuche und gesellschaftliche Kritik - in zunehmenden Maße von einer jüngeren Generation nicht mehr im Kontext der Kunst gesucht und verortet werden, gibt es dennoch auf der anderen Seite eine nicht verlöschende Linie des existentiellen Weges, der Mythos des Künstlers als an der Welt Leidender, als Heilsbringer, der eine unklare, klare Botschaft verkündet: eine mögliche Wahrheit aus durchlittenem Leben. Diese Linie führt über Kleist, van Gogh, Kafka, Kirchner, Rothko, Ingeborg Bachmann zu Philip Guston oder David Foster Wallace, um hier die Ruhmreichen zu nennen, die aber gleichzeitig einen großen Schatten auf die viele Namenlosen werfen, deren Lebensentwurf als Künstlerexistenz keine Spur in der Geschichte der Kunst hinterlassen hat. Es war immer ein Privileg und eine Bürde, sich in der Welt nach Maßgabe seiner Vorstellungen zu artikulieren, dabei ohne die Garantie gehört zu werden. Doch scheint es mir heute wichtiger denn je, der Zuweisung des Konsumentenstatus zu entkommen.

Die Vielzahl der an der Ausstellung „Unter Druck“ beteiligten Künstler erlaubt keine zusammenfassende Sicht auf das Selbstverständnis und den Wirkungs- und Arbeitsprozess. Der mir wichtige Maler Hermann Bachmann schränkt in einem Interview sogar noch weiter ein: „Die Strukturen künstlerischen Schaffens sind noch nie übertragbar zu verallgemeinern gewesen.“ Und weiter, hier nur sinngemäß zitiert, jedes individuelle Selbstverständnis als Künstler hat eine aktuelle Dimension.1

Diese aktuelle Dimension ist in den gezeigten Arbeiten spürbar, wie auch Erweiterungen und Bereicherungen der jahrhundertealten druckgraphischen Techniken sichtbar werden.

Christian Ulrich, Juni 2019


1 in Katalog „Jochen Seidel, 1924 -1971“, Hrsg. Staatliche Kunsthalle Berlin, 2000, S.34, 36

Abbildung oben: Bildausschnitt aus einem Druck von Sophie Esslinger.
Für Abbildungen von Arbeiten von Anja Billing, Dieter Goltzsche, Paul T. Hahn, Jürgen Köhler, Michael Kutzner, Wolfgang Leber, Philip Oeser, Michael Otto und Gudrun Poetzsch gilt das Copyright der VG Bild-Kunst
 
Ausstellung vom 10. August
bis 14. September 2019
Einladung
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Ausstellungseröffnung
am Freitag, 9. August 2019 um 19.30 Uhr
Begrüßung: Christian Ulrich
Musik: Phlegmatische Brownies, Köln
im Anschluss legt Matthias Heidenreich
Musik auf

Grafiken von
Heinrich Bethke
Anja Billing
Martin Enderlein
Sophie Esslinger
Dieter Goltzsche
Annette Gundermann
Cornelia Gutsche
Paul T. Hahn
Eberhard Hartwig
Matthias Heidenreich
Dorothee Helena Jacobs
Jürgen Köhler
Michael Kutzner
Wolfgang Leber
Cathleen Meier
Liz Mields-Kratochwil
Philip Oeser
Michael Otto
Gudrun Poetzsch
Christian Ulrich
 
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