Gabriele Muschter
Ausstellungseröffnung / 17.10.2008
Gerhard Wolf – zum 80. Geburtstag
»Die Poesie hat immer recht« – das war vor zehn Jahren – also zum 70. Geburtstag von Gerhard Wolf – der Titel eines von Peter Böthig herausgegebenen Almanachs und eine ironische Paraphrase auf das noch einigen erinnerliche Lied »Die Partei, die Partei, die hat immer recht«.
Ja, und wie das mit dem »Immer-Recht-Haben« so ist, haben wir inzwischen erfahren und durchlebt. Die Partei gibt es nicht mehr, was nicht heißt, dass die Parteien immer recht hätten – was man tagtäglich verfolgen kann.
Recht haben hat niemand gepachtet, Irrtümer sind immer möglich, ebenso wie manchmal deren Korrektur.
Heute stehen wir nicht wegen eventueller Irrtümer hier. Wir stehen hier, um einen sympathischen und integeren Menschen, den Verleger, Schriftsteller, Sammler und Mäzen Gerhard Wolf zu ehren.
Er ist einer, wie es ihn selten gibt, ein unauffällig Erfolgreicher, ein bestimmt und empfindsam zugleich Argumentierender, nie berechnend aber sehr konsequent. Da sind die Erfahrungen aus einer Epoche, die ihn prägte und die er und seine Frau Christa mit prägten. Es waren vor allem die ereignisreichen 60er und 70er Jahre auf der Höhe der Ost-West-Auseinandersetzung. Getragen vom Wunsch nach einer Alternative, die Hoffnung auf das Gelingen eines sozialistischen Modells in einer sich ihrer progressiven Traditionen bewussten und bewahrenden demokratischen Gesellschaft.
Sein unermüdliches Agieren um die Verbindung zwischen Literatur und bildender Kunst, seine essayistische Tätigkeit, sein Geschick als Verleger und Förderer junger Talente sollen hier benannt und möglichst begründet werden. Daraus haben sich im Laufe der Jahre nicht nur Sympathien und Hochachtung, sondern auch enge Freundschaften entwickelt.
Was braucht man, um ein solches Lebenswerk in Jahrzehnten politischer Spannungen – zwischen kaltem Krieg und sozialen Umbrüchen - zu schaffen?
Eine Art stillen Widerstandes als stetigen Eigensinn, als Beharren auf dem als richtig und gerecht Empfundenen und etwas von schweijkscher Schlauheit, um Absurditäten zu entgehen.
Es ist die große Haltung einer echten linken Intellektualität, die sich nicht in Formalien, gestanzten, nichts sagenden Programmen manifestierte, sondern immer das Recht des Individuums auf subjektive Authentizität einforderte. Das machte jenes spezifische Milieu der DDR-Kultur aus, die aus qualitativen Gründen einer eigens und eigenständigen Wahrhaftigkeit bleiben wird. Bleibend in dem Sinne - engagiert und differenziert mit eigener Stimme sprechend, als Widerstand eben auch gegen die Tendenz zum Vulgären, Plumpen, Protzhaften aber auch gegen die Oberflächlichkeit eines ebenso vulgären und frivolen Hedonismus egomaner Selbstverwirklichung, also für ein Miteinander freier Individuen.
Die Empfindsameren, die in einer auf »Linie« bedachten Gesellschaft, einer letztlich immer auch auf harten »Klassenkampf« verpflichteten Kultur offizieller Kulturlandschaft schnell zu Außenseitern, als Sonderlinge abgestempelt wurden, nahm Gerhard Wolf in Schutz,
förderte sie, ermöglichte ihnen Podien und Wirkungsfelder, von zentraler Bedeutung ist hierbei der Verlag Janus Press.
Er hat den Blick für Begabungen, für poetische Naturen, ihre Echtheit, das auch im Dissens zu und um den Preis früher Freundschaften wie jener zu Willi Sitte.
Lebenslang präsent ist auch die Affinität Gerhard Wolfs zu Mittel- und Osteuropa. Das drückt sich thematisch und sprachlich in einer Art Wahlverwandtschaft aus.
Energie, die verbunden mit Phantasie und schöpferischer Kraft immer wieder Neues hervorbringt. Das schafft er nur, weil er nicht beeindruckt ist vom politbürokratischen Welt- und Lebensverständnis, dem zunehmend und systematisch der Realitätssinn abhanden gekommen war.
Sein Urteilsvermögen besteht vor allem darin, das, was Gültigkeit als Zeitausdruck hat, zu erkennen und im Spannungsfeld von Literatur und bildender Kunst, ihre Divergenz als Reiz zu entdecken.
Leidenschaft und Sehnsucht nach einer Art Ästhetik des Unaufdringlichen, fast Kargen.
Liebevoll schreibt Christa Wolf über Eigenschaften ihres Mannes: Er ist ein Zögerer… er meidet Ämter…seine Hauptworte am Telefon sind »Ja« und »Nein«…
Er meidet Personen, die ihm zuwider sind…
ein Mensch, der ihn einmal enttäuscht hat, kann nicht wieder in den »inneren Kreis« gelangen.
Er ist ein Suchender – nicht nur nach dem Liegeort seiner Brille
Er meidet Orte, die böse oder niederdrückende Erinnerungen in ihm wecken oder an denen er sich nicht wohlfühlt…
Was nicht zu ihm passt, das tut er nicht…Er ist bedingungslos treu…
Sich selbst nimmt er ernst aber nicht so wichtig… Er meidet alles »Übertriebene«
Er ist ein Schubarbeiter, kann in den »Zwischenzeiten« offen faulenzen.
Kochen ist eine seiner Lieblingstätigkeiten… Ungemein gerne bewegt er sich in der Natur…
Die Reihe der Eigenarten ließe sich fortsetzen. Besonders zu würdigen ist aber auch die Arbeit Gerhard Wolfs als Verleger. Sein Janus press Verlag hat noch einmal eine ganz andere Art von Büchern herausgebracht. Literatur und bildende Kunst ergänzen sich, ohne dass die eine die andere Disziplin benutzt, überlagert. Jedes dieser Bücher ist eine Kostbarkeit in Bild und Schrift, auch zu danken den gestalterischen Fähigkeiten von Martin Hoffmann.
Was nicht sagbar ist, wird aus dem Zeigbaren deutlich und umgekehrt.
Es tun sich Fragen auf z.B. solche nach der immerwährenden Dissonanz zwischen Literatur und bildender Kunst. Wer bestimmt was und warum? Wer begreift was und warum? Auch hier liegen besondere Verdienste von Gerhard Wolf .
Die Künstler, die heute hier ausstellen, gehören ganz sicher zum engeren Freundeskreis von Gerhard und Christa Wolf und alle mögen es mir nachsehen, wenn ich - aus gegebenem Anlaß - weniger zu den Kunstwerken als zu der zu ehrenden Persönlichkeit sage.
Was Sie in dieser Ausstellung sehen, ist einerseits ein Geschenk an den Jubilar, andererseits spiegeln sich wesentliche Teile seines Lebenswerkes. Die Künstler schenken ihm ein Stück von sich selbst, ein Stück ihrer Kunst und damit ihres Innersten. Natürlich gibt es für Gerhard Wolf noch viel mehr persönliche Geschenke, aber die Ausstellung musste ein Konzept, ein Gesicht bekommen und so hat er eine schwierige Auswahl treffen müssen.
Da ist wohl in erster Linie einer der Getreuen wie Günter Uecker zu nennen, heute früh aus Kairo angeflogen, um einen grausamen Realitäten nahe und zugleich für seine Arbeitsweise typischen Raum zu gestalten. In einer assoziativen Kopplung der hohen (Schrift-)Kultur des arabisch-islamischen Raumes und aktueller Extremismen erscheint elementare Grausamkeit als Fatum.
Angela Hampel aus Dresden hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich ihre expressive Bildwelt, ihre Themen gefunden und vervollkommnet.
Für Gerda Lepke gilt das ähnlich – allerdings mehr auf die künstlerischen Mittel des Informel gerichtet. Helge Leiberg, einst Dresden, inzwischen fast 30 Jahre in Berlin lebend, begeistert den Verleger und Kunstfreund Gerhard Wolf mit seinen in sich selbst verlorenen tänzerischen Figurationen.
Zu neuen Ufern aufgebrochen ist schon lange Martin Hoffmann. Er ist freier Künstler und Gestalter zugleich. In seinen neueren Köpfen und Figuren geht es um Psychoanalyse, um Verletzlichkeiten des Menschen, um die Vielschichtigkeit von Charakteren, Träumen und Sehnsüchten.
Dann sind da die Gemälde von Hartwig Hamer und seine beeindruckend- sanften Landschaftsbilder. Sie sind still, harmonisch. Sie breiten eine Ruhe aus – bis zum Horizont.
Schließlich Helga Schröder – viele ihrer Werke haben einen direkten Bezug zur Literatur, vor allem zu den Arbeiten von Christa Wolf. Für die Wolfs ist an dieser Art von Kunst besonders reizvoll die »Grenzüberschreitung von der Ratio der Buchstaben in die Emotion des Geschriebenen, Gezeichneten und Gemalten«, so jedenfalls formuliert es Gerhard Wolf im Text zur Ausstellungseinladung.
Natürlich sehen Sie anderes, worüber man lange reden könnte. Darauf kommt es aber heute nicht an. Unser aller Augenmerk sollte auf die Hauptperson, also auf Gerhard Wolf gerichtet sein. Deshalb spare ich Ihnen und mir viele Worte über kostbare Kunstwerke von Elena Liessner-Blomberg, die wunderbar hintergründigen, naiven Blätter von Albert Ebert, grafische Blätter von Carlfriedrich Claus, Franz Mon, Otl Aicher, Christine Schlegel, A.R.Penck – alles aus dem Besitz der Sammlung von Gerhard Wolf. »Ein reicher Knopp« würde ich respektlos sagen, wenn er nicht 80. Geburtstag hätte. Dass mit »reich« hier keine Geldwerte gemeint sind, werden Sie alle verstehen. Gerhard Wolf hat einen Reichtum, der unersetzbar ist, den ihm niemand nehmen kann, mit dem niemand spekulieren kann – weil er tief im Inneren eines Menschen, seiner Seele verwurzelt ist. .
Und schließlich noch zu einem Wunsch von Gerhard Wolf, der besser nicht auszudrücken ist als mit seinen eigenen Worten. In seinem Buch »Beschreibung eines Zimmers – 15 Kapitel über Johannes Bobrowski« heißt es:
Ein Gespräch wäre gut…. Das gesprochene Wort wäre wichtig an dieser Stelle. Wo man eine hochgestochene These sofort wieder durch ein bedauerndes Lächeln zurückholen kann. Wo man nicht Begriffe braucht, sondern begreiflich machen will. Wo man seine Kenntnisse beschränkt oder ihnen willkürlich freien Lauf lassen kann, je nachdem, ungehindert in den Assoziationen und Abschweifungen, Gedankensprüngen und überraschenden Verbindungen – die im Moment zu stoppen sind, wenn man will. Wo man sich bis ins Absurde steigert…
Das alles können Sie jetzt im Anschluß erleben – bei dem angekündigten Podiumsgespräch mit Gerhard Wolf und den anwesenden Künstlern. Moderation: Rüdiger Thomas, der extra für diesen Abend – nicht aus Kairo, aber immerhin aus Köln angereist ist.
© Gabriele Muschter